Erfahrungsbericht: Hahnemühle Pastellpapier Velour

Für die Arbeit mit trockenen Materialien wie Graphit, Kohle oder Pastellkreiden steht dem Künstler eine Vielzahl unterschiedlicher Malgründe zur Verfügung. Während ein Großteil für mehrere Techniken gleichermaßen geeignet ist, erfüllen einige besonders die Erfordernisse für die Pastellmalerei.

Hahnemühle Pastellpapier Velour im Fokus der Betrachtung

In diesem Artikel stelle ich die Arbeit mit Pastellen auf dem Produkt „Pastellpapier Velour“ der Firma Hahnemühle vor. Dabei ziehe ich andere von mir verwendete Malgründe zum Vergleich heran, um Eigenheiten besser erläutern zu können und besonders den Lesern, die mit den verschiedenen Materialien der Pastellmalerei noch nicht so vertraut sind, eine kleine Hilfestellung leisten zu können.

Wenn ich hier die Vor- und Nachteile von Hahnemühle Velour darstelle, dann beruht dies natürlich auf meinen eigenen Erfahrungen. Künstler, die sich auf andere Motive spezialisiert oder ein ganz anderes Händchen im Umgang mit Softpastellen / Pastellstiften haben, kommen sicher zu anderen Ergebnissen.

 

Pastellmalerei

Pastelle (auch: Pastellkreiden oder Pastellfarben) bestehen aus Farbpigmenten und Bindemitteln. Sie werden von den Herstellern auf unterschiedliche Weise verarbeitet und sind in verschiedenen Härtegraden erhältlich. Beispielsweise zerfallen die Soft-Pastelle von Schmincke schon beim Ansehen zu Staub, andere wiederum sind wesentlich härter und werden daher auch mit Holz ummantelt in Stiftform angeboten. Ich verwende für meine Arbeiten Pastelle aller Härtegrade – von sehr weich bis sehr hart.
Beim Malen „zerfallen“ die Bestandteile auch sehr harter Pastelle zu feinem Staub. Deshalb benötigen Künstler – besonders, wenn in mehreren Schichten gearbeitet wird – einen Malgrund, der in der Lage ist, den Pastellstaub aufzunehmen. Auf glattem Papier kann sich der Staub nicht setzen, während Papiere mit strukturierter Oberfläche gut geeignet sind, die Pastelle zu halten.

Pastellpapiere und -kartons für die Pastellmalerei

Ich habe bisher auf folgenden Malgründen gearbeitet, die aufgrund ihrer Oberflächenbeschaffenheit für die Pastellmalerei gut geeignet sind bzw. vom Hersteller eigens für diese Technik entwickelt wurden:

  • Canson MiTeintes
  • Clairefontaine Pastelmat
  • Schmincke Sansfix
  • Sennelier Pastel Card
  • und Hahnemühle Pastellpapier Velour.

MiTeintes und Pastelmat sind sicher gute Malgründe, aber sie genügen meinen Ansprüchen und meiner Maltechnik nicht.
Die Grammatur von MiTeintes ist mir zu mager (160 g/qm) und die Bienenwaben-Struktur zu grob. Pastelmat ist ein für die Pastellmalerei sehr geeignetes Papier, auf dem man schöne Ergebnisse erzielen kann. Allerdings ist mir die Oberfläche zu unspektakulär, denn mir ist aufgefallen, dass meine Tierportraits lebendiger wirken, wenn die Oberfläche etwas „dezent Markantes“ zu bieten hat.

Ich arbeite gegenwärtig mit Schmincke Sansfix und Sennelier Pastel Card, den Kartons mit sehr feiner, schmirgelpapierartiger Oberfläche, und mit Hahnemühle Pastellpapier Velour.

Hahnemühle Pastellpapier Velour – Das Produkt im Überblick

Das Hahnemühle Pastellpapier Velour hat eine Grammatur von 260 g/qm. Damit ist es leichter als Schmincke Sansfix (370 g/qm) und Sennelier Pastel Card (360 g/qm).

Die Einzelbogen im Format 50 x 70 cm, die ich am häufigsten verwende, sind in neun verschiedenen Farben erhältlich: Schwarz, Dunkelgrau, Mittelgrau, Hellgrau, Weiß, Gelb, Jaffaorange, Sand und Ocker.
Kleinere Formate von 20 x 30 cm bis 36 x 48 cm gibt es in Blöcken mit je 10 Blatt. Die Blöcke sind farblich sortiert – mit Grün als zusätzlicher Farbe – oder einfarbig in Weiß erhältlich.

Mit ca. € 3,40 +/- € 0,40 pro Einzelbogen, abhängig vom Händler und von der Abnahmemenge, und ab ca. € 16,00 pro Block ist Hahnemühle Pastellpapier Velour preisgünstiger als die Schmincke- oder Sennelier-Kartons, für die man das Doppelte und mehr bezahlt (ca. € 6,00 – € 8,00 je Einzelbogen).

Qualitätsmerkmale von Hahnemühle Velour

Einen treffenderen Namen konnte man diesem Produkt nicht geben: Pastellpapier Velour – ohne „s“ am Ende! – ist ein weiches, „schmiegsames Papier mit sehr feiner Flockung.“ (Quelle: www.hahnemuehle.de). Es fühlt sich an wie Samt und bildet damit einen Gegensatz zur schmirgelpapierartigen Haptik von Pastel Card oder Sansfix. Da es zudem eine vergleichsweise niedrige Grammatur besitzt, macht es zunächst einen empfindlichen Eindruck – doch der Schein trügt.

Natürlich kann es bei unsachgemäßem Transport oder unsachgemäßer Aufbewahrung schnell zu feinen Knicken kommen, die aber im fertigen Bild nicht mehr sichtbar sind. Wenn ich vor Ort einkaufe, lasse ich mir das Papier rollen; bei Onlinebestellungen wird es plano in stabilen Kartons angeliefert. Als Rolle kann ich es längere Zeit (2-3 Wochen) problemlos aufbewahren; meist lege ich es plano, vor Staub und Sonneneinstrahlung geschützt, ins Regal.

 

Stabilität der Oberfläche

Im Gegensatz zu Pastel Card oder Sansfix verzeiht Hahnemühle Velour einen kräftigen Farbauftrag auch mit harten Stiften, selbst wenn man mal die eine oder andere Stelle häufiger nacharbeitet oder die Pastelle mit einer Estompe (frz. Papierwischer) verreibt. Pastel Card oder Sansfix machen dabei schneller schlapp; hier kann es passieren, dass sich die feinen Körnchen lösen und den weißen Karton preisgeben. Diese Stellen lassen sich nicht mehr ohne Weiteres übermalen, was besonders in dunklen Bereichen extrem ärgerlich ist.

Auch gegenüber winzigen Wassertröpfchen, wie sie zum Beispiel beim Husten auf ein Bild geschossen werden können, ist Hahnemühle Velour unempfindlicher als die Sennelier- oder Schmincke-Kartons, deren Hersteller auch ganz klar auf die Feuchtigkeitsempfindlichkeit der Beschichtung hinweisen. Ja, ich weiß, man hustet nicht auf ein Bild und man pustet auch nicht den Pastellstaub weg, aber zwischen Theorie und Praxis liegen in manchen Sekunden Welten!

Individuelles Design auf Hahnemühle Velour

Wollpulli-Träger sollten aufpassen: Wer, wie ich, auch gern mal am Tisch und nicht an der Staffelei arbeitet, wird sich früher oder später – bevorzugt in der kalten Jahreszeit – über unschöne Abdrücke ärgern, die man hinterlässt, wenn man sich versehentlich mit strukturierter Kleidung auf dem Papier abstützt. Diesen Fehler macht man nur einmal! Ich hatte Glück und konnte das Muster unter dem Passepartout verschwinden lassen, denn Aufrichten ließen sich die Fasern nicht mehr (oder hat Hahnemühle einen Tipp?), und auch nach Übermalen blieb das Muster sichtbar. By the way allerdings ein interessantes Gestaltungselement, wenn es erwünscht ist!

 

Die Arbeit mit Pastellen auf Hahnemühle Velour

Zugegeben – meine erste Arbeit auf Hahnemühle Pastellpapier Velour habe ich heulend zerrissen. Das Bild sah scheußlich aus: ein Strich, und die Kreide hält, ganz gleich ob hart oder weich. Kein Mischen, kein Verreiben und folglich keine vernünftigen Farbverläufe schienen realisierbar zu sein. Erst im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mit dem Papier richtig umzugehen.

Überlegter Einsatz der Pastelle

Auf Velour arbeite ich von weich nach hart und von hell nach dunkel. Dafür verwende ich sowohl Soft-Pastelle von Schmincke, Sennelier oder Jaxell Extra Fine als auch die etwas härteren, aber im Vergleich zu Pitt-Pastellstiften immer noch weichen Pastelle von Caran d’Ache. Details arbeite ich erst spät mit härteren Kreiden heraus.

Farbabrieb, Farbverläufe und Farbdeckung

Pastellkreide auf PastellpapierDer Farbauftrag auf die weiche Oberfläche von Hahnemühle Velour erfordert grundsätzlich einen etwas kräftigeren Druck als auf Malgründen mit körnigen Oberflächen, die sich die Pastelle fast von selbst nehmen. Durch einen kräftigen Druck verbaut man sich jedoch unter Umständen die Möglichkeit, Farbverläufe fließend zu gestalten, denn Hahnemühle Velour gibt die Pastelle nur ungern zum Mischen oder Verwischen wieder frei – ein Vorteil, den ich weiter unten noch bei der Abschlussfixierung erwähne.

 

Wenn man den Bildaufbau und damit den Einsatz der Pastelle gut plant, lassen sich solche Unzulänglichkeiten vermeiden. Mit wenig Druck dort, wo Farbverläufe oder -übergänge geplant sind, lassen sich Pastelle verschiedener Farben und Härtegrade mit einem Pinsel gut mischen. Eine Estompe, wie sie bei körnigen Oberflächen gern verwendet wird, bringt hier nicht viel – sie drückt die Pastelle nur noch mehr in das Gewebe. Pinsel hingegen bürsten die Pigmente wieder aus dem Gewebe heraus. Aber Vorsicht: kleine Staubwölkchen sind bei dieser Technik obligatorisch!

Die Farbdeckung ist natürlich abhängig von der Qualität der Pastelle und vom Druck, mit dem die Pastelle aufgebracht werden.

Dogge, Berner Sennenhunde Tierportrait auf Hahnemühle Velour. Tiermalerin Simone HofmannBeim ersten oder zweiten Layer breitet sich der Pastellstaub – je nach Härtegrad – noch im Gewebe aus, ab der dritten Schicht zieht sich Hahnemühle Velour unauffällig zurück.

Die Papierfarbe sollte jedoch grundsätzlich gut ausgewählt und in das Motiv einbezogen werden, weil Pastelle nicht zu 100% decken, der Farbeindruck des Malgrundes erhalten bleibt und dem Bild eine besondere Note verleiht, wie bei dieser Dogge oder dem Berner Sennenhund.

Detailarbeiten auf Hahnemühle Velour

Was ich gegenüber der sandartigen Oberfläche von Pastel Card oder Sansfix als sehr großen Vorteil von Hahnemühle Velour empfinde ist, dass die Kreide selbst bei feinsten Strichen nicht bricht.

Pastellkreide auf Pastellpapier Sennelier und Hahnemühle VelourDas ist seitens Sennelier oder Schmincke keinesfalls ein Qualitätsmangel, sondern eine Eigenart, die aus der körnigen Oberfläche resultiert: Die Körnchen stellen Hindernisse dar, die die Bestandteile der Pastelle versprengt. Die Fasern auf Hahnemühle Velour hingegen geben den Pastellen nach, wodurch das Material nicht bricht, sondern der Staub zart im Gewebe verteilt wird. Dies führt allerdings dazu, dass feinste Striche besonders in der Anfangsphase noch nicht möglich sind. Erst auf ein bis zwei Pastellschichten akzeptiert Hahnemühle Velour deutlich sichtbare, feinere Strichstärken.

Bei Betrachtung aus etwa 1,50 m Entfernung fallen diese Details als solche nicht weiter auf, wirken sich aber auf das Gesamtbild aus: Pastelle auf Velour sind grundsätzlich sehr soft, wobei man dem Bild durch Akzententuierung mit harten Pastellen etwas mehr Härte verleihen kann (sofern das gewünscht ist).

Langhaar-Dackel Hundeportrait von Hundemalerin Simone Hofmann

 

Tragfähigkeit bei schichtweisem Farbauftrag

Ich habe durch notwendige Korrekturarbeiten schon bis zu acht Schichten auftragen müssen – das war aber natürlich meine Schuld. Dennoch hat Hahnemühle Velour den satten Farbauftrag geduldig über sich ergehen lassen, wenngleich das fertige Bild dadurch noch etwas empfindlicher war als dies ohnehin schon bei Pastellen der Fall ist. Normalerweise nimmt sich Hahnemühle Velour die Menge an Pastellstaub, die es kriegen kann. Das heißt, die Farben harter oder weicher Materialien haften und decken auch recht gut, so dass ich üblicherweise – je nach Fellstruktur und Farbe des Hundes – mit drei bis fünf Schichten auskomme, um ein natürliches Erscheinungsbild zu erzielen.

Abschlussfixierung

Vorab: Ich fixiere nie, auch nicht meine Arbeiten auf körnigen Untergründen.
Während es bei Sansfix oder Pastel Card allerdings fatale Auswirkungen haben kann, über das Bild zu wischen, verzeiht Hahnemühle Velour selbst gröbere Berührungen, auch in Arealen mit kräftigem Farbauftrag – die Pastelle, hart oder weich, haften sehr gut. Deshalb halte ich eine Abschlussfixierung, z.B. mittels eines Fixiersprays, nicht für erforderlich. Ein einfaches Andrücken der Pastelle ist meiner Erfahrung nach vollkommen ausreichend.

 

Verunreinigungen: Wenn mal was danebengeht …

Pastellkreide

Manchmal hinterlässt man aus Tüdeligkeit einen unschönen Pastellkreiden-Fingerabdruck – ärgerlich, aber auf Hahnemühle Velour nicht weiter schlimm. Kreideflecken lassen sich einfach mit einem Knetgummi entfernen. Das ist nicht selbstverständlich, denn bei Sansfix oder Pastel Card habe ich die Erfahrung gemacht, dass dabei helle Flecken entstehen können. Das liegt daran, dass diese beiden Malgründe ab einer bestimmten Farbdeckung mit einem Kreideschleier überzogen sind – sei es durch herabfallenden Kreidestaub bei Arbeiten an der Staffelei oder durch Pusten / Abschütteln bei Arbeiten am Tisch. Dagegen haften die Pastelle auf Hahnemühle Velour auch bei mehrfachem Farbauftrag dort, wo ich sie hingesetzt habe – und zwar mit hoher Widerstandsfähigkeit gegen Pusten oder Herabfallen.labbi-flecken

Was sonst noch so in der Luft (f)liegt

Auf der Oberfläche des Hahnemühle Velour Pastellpapiers bleiben nicht nur mehrere Schichten Pastellkreide gut haften, sondern leider auch Härchen, Flusen und Staub. Besonders bei meinem Favoriten, dem schwarzen Papier, fallen solch unerwünschte Gestaltungselemente besonders auf. Aber ich will nicht meckern – es ist Velours! Wie beim Entfusseln von Kleidungsstücken nimmt man einfach einen Klebestreifen und tupft die Flusen ab.
Das funktioniert auf den unbemalten Flächen selbstverständlich sehr gut. Im bemalten Bereich sollte man nicht zu grob vorgehen, um die Pastelle nicht wieder abzutragen. Allerdings fallen kleinere Partikel hier meist nicht auf, und größere Härchen nehme ich mit einer Pinzette ab.

Fazit

Ich möchte das Hahnemühle Pastellpapier Velour nicht mehr missen!

Tierportrait Simone Hofmann - Hunde, Pferde, Katzen und andere Haustiere malen lassen
Sanfte Farbverläufe lassen sich mit etwas Übung, geeigneten Pastellen und der richtigen Technik zufriedenstellend realisieren.

Die Bilder zeigen, insbesondere bezogen auf das Fell meiner tierischen Motive, ein softes, seidig schimmerndes Erscheinungsbild, das gut mit der samtartigen Oberfläche harmoniert.
Wo diese Sanftheit weniger erwünscht ist, lassen sich mit harten Pastellen dramatischere Akzente setzen.

 

Was Hahnemühle nicht lesen darf

Das Preis-Leistungs-Verhältnis finde ich unschlagbar. Ganz im Ernst: ich würde für Hahnemühle Velour auch mehr bezahlen, weil es für mich ein im künstlerischen Sinne wertvolleres Produkt ist als beispielsweise Sansfix oder Pastel Card.

 

Mein Wunschzettel an Hahnemühle

Neun Farbtöne bei den Einzelbögen sind schon eine ganze Menge, wobei einer der drei Grautöne und eine der sehr ähnlichen Farben Ocker und Sand für meinen Bedarf überflüssig sind. Ich würde mich über weitere Farben wie Flieder, Rot oder Hellblau, aber auch über einen zarten Cremeton riesig freuen!
Richtig schmerzhaft wäre es für mich, wenn Hahnemühle die Farbe Schwarz aus dem Programm nehmen würde. Liebes Hahnemühle-Team: Bitte sagt mir rechtzeitig Bescheid, damit ich den Bestand aufkaufen kann 😉

Links zu den Herstellern

Hahnemühle FineArt GmbH
H. Schmincke & Co. GmbH & Co. KG
Max SAUER SAS (Sennelier)

Rechtliches

In diesem Artikel habe ich der Einfachheit halber und wie allgemein üblich eingetragene Marken, Handelsnamen, Gebrauchsmuster etc. nicht als solche besonders gekennzeichnet. Dies bedeutet nicht, dass bestimmte Begriffe frei von Rechten Dritter sind. Sollte eine Kennzeichnung seitens der Rechteinhaber erwünscht sein, bitte ich um kurze Mitteilung.

Danke, dass Sie es bis hier unten geschafft haben!